Viktor Orri Árnason »Poems«

Musik, die leise ist und trotzdem Platz beansprucht

Manche Alben tragen ihre Absicht schon im Titel wie einen sehr ordentlichen Schal: »Poems«. Das verspricht zunächst einmal: Sprache, Bedeutungsüberschuss, vielleicht ein kleines bisschen feierliche Innerlichkeit. Und man denkt kurz: Hoffentlich wird das nicht die Sorte Platte, die sich als Hintergrund für eine Kerze empfiehlt, die wiederum als Hintergrund für ein Foto dient, das wiederum als Hintergrund für ein Leben dient, das man nicht führen möchte.

Dann legt man sie auf – und merkt: Hier geht es nicht um Dekoration, sondern um Raum. Um dieses seltene Phänomen, dass Musik nicht nur klingt, sondern die Luft im Zimmer anders sortiert.

»Poems« ist ein gemeinsames Album des isländischen Komponisten/Produzenten Viktor Orri Árnason und der Sopranistin (und bildenden Künstlerin) Álfheiður Erla Guðmundsdóttir. Zehn Stücke, gesungen auf Isländisch, vertonte Gedichte – von Dichterinnen und Dichtern aus verschiedenen Zeiten, dazu eigene Texte. Wer jetzt fragt, ob man Isländisch verstehen muss, um das zu mögen, bekommt die erfreulich klare Antwort der Musik: Nein. Man muss nur hören können, wie Bedeutung entsteht, wenn man sie nicht mit einem Textmarker markiert.

Die Stimme: nicht Oper, sondern Intimität mit Nerven

Guðmundsdóttir ist eine Opernstimme – und genau das ist der erste kleine Reiz. Opernstimmen sind gewohnt, Räume zu füllen. Hier müssen sie lernen, Räume zu lassen. Das Ergebnis ist ein Gesang, der oft nicht »singt«, sondern schwebt, haucht, ansetzt, wieder verschwindet, als hätte jemand eine Melodie auf dünnem Papier notiert und hielte sie gegen das Licht.

Das kann – je nach eigener Tagesform und innerem Blutdruck – als zutiefst berührend wirken oder als gefährlich dünn. Ich formuliere das bewusst so, weil beide Reaktionen plausibel sind. Wer mit der Erwartung kommt, »Jetzt aber bitte großes Operngefühl«, wird hier keine Arien-Gestik finden. Wer hingegen bereit ist, Nähe auszuhalten, erlebt eine Stimme, die in der Zurückhaltung nicht klein wird, sondern riskant: Jede Nuance zählt, jeder Ton steht unter Beobachtung, auch durch einen selbst.

Und das ist überhaupt das heimliche Thema dieses Albums: Es zwingt einen, sich beim Hören zu ertappen. Man merkt plötzlich, wie ungeduldig man manchmal ist. Wie schnell man Stille als »nichts« missversteht. Und wie sehr Musik davon profitieren kann, wenn man das mal lässt.

Árnasons Klangwelt: Piano als Raum-Maschine

Árnason begleitet am Klavier – und dieses Klavier ist nicht nur Instrument, sondern Ort. Man hört nicht bloß Töne, man hört Holz, Mechanik, Atem, manchmal sogar das kleine Innenleben, das bei vielen Aufnahmen wegretuschiert wird, weil es nicht »edel« genug sei. Hier ist es edel gerade dadurch, dass es echt bleibt.

Gelegentlich kommen Violine/Bratsche dazu (auch von Árnason selbst), Streicher aus dem Umfeld des Reykjavík Recording Orchestra, ein Cello, subtile Elektronik. Das alles passiert aber nie wie ein Arrangement, das dringend zeigen will, dass es arrangiert ist. Eher wie Wetter: Es zieht auf, es zieht ab, es gibt Lichtwechsel.

Wer gern hört, wie Musik mit Luft arbeitet, wird hier reich belohnt. Und wer eine Anlage besitzt, die bei leisen Signalen nervös wird, wird ebenfalls reich belohnt – allerdings auf eine Weise, die man nicht immer sofort als Freude erkennt.

Stücke, die wie Kapitel wirken

Der Einstieg heißt »Rödd« – »Stimme«. Das ist nicht nur programmatisch, es ist auch dramaturgisch klug. Es beginnt reduziert und zieht dann an, bis die Streicher wie ein kurzer, heller Schub durchs Bild fahren. Ein Moment, der sagt: »Ja, wir können groß – aber wir müssen nicht ständig.«

Danach folgt die Nachtseite: Titel wie »Náttmyrkrið« (Nacht/ Dunkelheit) und »Vera« (Sein) machen keine falschen Versprechen. Das Album hat etwas stark Gegenwärtiges, fast Meditatives – ohne in Wellness zu kippen. Es ist eher die Meditation eines Menschen, der dabei nicht vergisst, dass das Leben weiterhin Rechnungen schreibt.

In der Mitte stehen Stücke wie »Blikna« und »Til kvæðagyðjunnar« – beide wirken wie jene Passagen in einem Gedichtband, bei denen man plötzlich langsamer liest, weil man merkt: Hier ist etwas, das nicht durch Schnelligkeit verstanden werden will. Gerade »Til kvæðagyðjunnar« hat diese rituelle Traurigkeit, für die das Cello erfunden wurde: nicht, weil es laut ist, sondern weil es so schön leiden kann, ohne kitschig zu werden.

»Líkaminn er þaninn fiðlustrengur« ist schon im Titel ein kleiner Hinweis darauf, dass hier Körperlichkeit nicht als Sport, sondern als Spannung gedacht ist: Der Körper als gespannte Saite – das passt zu dieser Musik, die oft wirkt, als sei sie dauerhaft auf dem Punkt zwischen Zerbrechlichkeit und Kontrolle.

Und dann gibt es gegen Ende jene Erdung, die solche Platten brauchen, damit sie nicht im eigenen Dunstkreis verschwinden: »Jörðin bíður« (die Erde wartet) und »Handan við haf« (jenseits des Meeres) haben etwas Abschließendes, ohne Schlussapplaus-Geste. Eher: ein langer Blick aus dem Fenster, bevor man das Licht ausmacht.

Wovon diese Musik lebt: Pausen, Geduld, und ein kleiner Widerstand gegen das Tempo

Man kann »Poems« als »schüchtern« bezeichnen. Oder als konsequent. Oder als Musik, die den Mut hat, nicht dauernd interessant sein zu wollen – sondern bedeutsam. Das ist ein Unterschied, den man heute selten erlebt.

Natürlich kann man auch sagen: Das ist genau jene Art von »Innerlichkeit«, die sich manchmal wie ein eigener Jargon anfühlt – so, als gäbe es für jede Stimmung die passende Klangtapete. Ich verstehe diese Skepsis. Es gibt tatsächlich moderne Klassik, die klingt wie eine Playlist mit dem Titel »Du bist eine empfindsame Person und möchtest das bitte bestätigt bekommen«. Das ist dann weniger Musik als ein Spiegel, der nur nickt.

»Poems« entgeht dieser Falle für mich meistens, weil es nicht schmeichelt. Es ist nicht weichgezeichnet. Es hat Kanten – nur eben leise Kanten. Und es hat eine Ernsthaftigkeit, die nicht pompös ist, sondern aufmerksam. Wenn man sich darauf einlässt, wird das Hören zu einer kleinen Übung im Dasein: präsent bleiben, ohne sich zu überfordern. (Eine Kompetenz, die man auch im Alltag gelegentlich brauchen könnte, vor allem in Supermärkten.)

Audiophiler Nebensatz

Auf einer guten Kette passiert etwas Schönes: Diese Musik wirkt nicht »klein«, sondern nah. Das Piano steht nicht irgendwo in der Ferne, sondern körperlich im Raum. Man hört die feinen Anläufe der Stimme, das Ausklingen der Streicher, die mikroskopischen Bewegungen zwischen den Tönen. Und man merkt, ob die eigene Anlage bei leisen Dynamiken wirklich souverän bleibt oder ob sie innerlich schon anfängt, die Notausgänge zu suchen.

»Poems« ist kein Album für Effektliebhaber. Es ist eins für Menschen, die wissen, dass das Entscheidende oft dort passiert, wo fast nichts passiert.

Fazit

»Poems« ist eine Platte, die nicht laut um Aufmerksamkeit bittet, sondern sie still voraussetzt. Wer sich darauf einlässt, bekommt etwas Seltenes: eine Musik, die Sprache vertont, ohne erklärbärig zu werden – und die Emotionen zulässt, ohne sie zu verkaufen.

Sie kann einen trösten, ja. Sie kann einen auch leicht irritieren, weil sie so wenig anbiedert. Aber genau das ist ihr Wert: Sie ist nicht darauf aus, uns zu gefallen. Sie ist darauf aus, uns anwesend zu machen.

Und wenn das gelingt, ist das schon ziemlich viel.


Interpreten: Viktor Orri Árnason & Álfheiður Erla Guðmundsdóttir

Titel: Poems

Erschienen bei: Deutsche Grammophon (DG)


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