Nils Frahm »Spaces«

Spaces – Nils Frahm und die Frage, wie viel Raum ein Mensch braucht

»Spaces« heißt dieses Album, und ich musste beim ersten Lesen kurz überlegen, ob ich jetzt einen Ambient-Trip in die Tiefen des Weltalls vor mir habe oder einfach eine sehr ehrliche Mitteilung: »Hier drin ist Platz. Für dich. Für Geräusche. Für Fehler. Für das, was man sonst wegschneidet.«

Denn »Spaces« ist nicht diese Liveplatte, die so tut, als wäre sie Liveplatte – mit Applaus wie Sprühdeko, damit man sich heimelig vorkommt. »Spaces« ist eher ein akustisches Tagebuch aus vielen Abenden, zusammengesetzt wie eine Collage: verschiedene Säle, verschiedene Stimmungen, verschiedene Mikrofone, verschiedene Aufzeichnungsgeräte, und dazwischen der menschliche Faktor, der sich nicht an Studioregeln hält. Husten, Rascheln, der gelegentliche Hinweis darauf, dass die Zivilisation aus Leuten besteht, die sich in den ungünstigsten Momenten entscheiden, ihre Tasche zu öffnen.

Das ist ein riskanter Ansatz, weil unser Ohr – gerade das audiophile – gern glaubt, Perfektion sei eine moralische Kategorie. Frahm behauptet das Gegenteil: Perfektion ist oft nur Abwesenheit von Leben. Und Leben macht Geräusche.

Ein Anfang, der wie ein abgebrochener Gedanke wirkt (weil er es ist)

Der Auftakt heißt passend »An Aborted Beginning« und verhält sich wie jemand, der auf einer Party »Ich muss dir unbedingt was erzählen« sagt – und dann sofort wieder geht. Ein kurzes, nervöses, mechanisches Pochen, das tatsächlich etwas von dieser »Maschinengewehr-Eleganz« hat, die man sonst aus ganz anderen Klangwelten kennt. Dann: Ende. Verwirrung. Vereinzelter Applaus. Man hört förmlich, wie ein paar Menschen im Saal innerlich ihre Erwartung umsortieren.

Und genau dieses Umsortieren ist der Trick: »Spaces« verlangt, dass man nicht in gewohnter Hörhaltung bleibt. Es ist kein »Setz dich hin, ich führe dich« – eher ein »Komm mit, aber bleib wach«.

»Says« – mein transzendentaler Favorit

Und dann kommt »Says«, mein Favorit, und ja: transzendental ist hier kein übermütiges Wort, sondern ein sachlicher Befund.

»Says« baut aus einem simplen Loop eine Spannung, die so lange wächst, bis man sich fragt, ob man jetzt noch Musik hört oder schon in einem inneren Wetterereignis sitzt. Es ist diese besondere Kunst: nicht viel verändern – und dadurch alles verändern. Die ersten Minuten sind wie das langsame Öffnen eines Vorhangs, hinter dem nichts »passiert«, und man merkt plötzlich: Genau das ist das Ereignis. Man wartet. Man wird unruhig. Man wird ruhig. Man wird wieder unruhig, aber eleganter.

Und irgendwann – als hätte jemand in einem völlig überfüllten emotionalen Stausee eine Schleuse geöffnet – kippt die Harmonie, und die aufgestaute Energie läuft los. Nicht als Explosion, eher als Flut: groß, warm, unabwendbar. Das ist Musik, die einen nicht »beeindruckt«, sondern übernimmt. Für acht Minuten ist man nicht bei sich. Und kehrt danach kurz verändert zurück, was ja das Einzige ist, was Kunst überhaupt versprechen darf.

Verschnaufen, Tagträumen, wieder hinein

Nach diesem Ereignis ist »Said And Done« die richtige Art von Pause: stoisch wiederholte Töne, die einen in Tagträume treiben, allerdings nicht in die Sorte Tagtraum, in der man am Strand liegt und ein Getränk in der Hand hält, sondern eher in jene gedämpfte Melancholie, die man kennt, wenn man nachts durch eine Stadt geht und plötzlich merkt, dass auch Straßenlaternen Gefühle haben.

»Went Missing« wirkt wie ein kurzer, eleganter Abgang: Musik, die nicht dramatisch verschwindet, sondern einfach leiser wird, bis sie tatsächlich weg ist. Und »Familiar« – ursprünglich ein sehr intimes Stück – bekommt live eine andere Luftigkeit: Es atmet mehr, es hat Raum um die Töne herum, als würde jemand endlich aufhören, zu nah zu stehen.

Wenn das Publikum mitspielt (ob es will oder nicht)

Dann dieser Titel: »Improvisation For Coughs And A Cell Phone«. Ich liebe schon die Ehrlichkeit der Ansage. Das ist nicht »Wir haben hier ein Stück«, das ist »Wir haben hier eine Situation«.

Und tatsächlich: Die Aufnahme wirkt wie ein dokumentierter Moment, in dem sich Musiker und Umgebung nicht feindlich gegenüberstehen, sondern miteinander passieren. Das Publikum wird nicht geduldet, es ist Teil der Textur. Der Huster ist hier kein Störsignal, sondern ein kurzer Realitätsblitz: »Du bist nicht allein. Das ist ein Raum. Und Räume leben.«

»Hammers« und die Freude am handwerklichen Druck

»Hammers« ist dann wieder Klavier als Handwerk: geradlinig, rhythmisch, mit diesem physischen Anschlag, bei dem man kurz daran denkt, dass in einem Flügel tatsächlich Hämmer sitzen. Es hat etwas Vorwärtstreibendes, das nicht aggressiv ist, eher entschlossen – wie jemand, der seine Gedanken endlich einmal zu Ende denkt.

Die Suite: »For – Peter – Toilet Brushes – More«

Und dann kommt das Stück, das schon im Titel so tut, als müsse man es nicht erklären: »For – Peter – Toilet Brushes – More«. Hier ist Frahm ganz in seiner Spezialdisziplin: zwischen Piano, Elektronik, Dub-Anmutung, Geräusch und Groove, ohne dass es nach »Crossover« riecht (ein Wort, das ohnehin klingt wie eine Brücke, die aus Marketing gebaut wurde).

Der »Toilet Brushes«-Moment ist dabei nicht bloß Anekdote, sondern tatsächlich Klangidee: Der Flügel wird behandelt wie ein Instrument, das auch Percussion sein darf – nicht im Sinne von Klamauk, sondern als bewusstes Öffnen der Klangpalette. Wer das nur witzig findet, hat den Punkt verpasst: Es ist ein Statement darüber, dass Musik nicht heilig sein muss, um ernst zu sein.

»Over There, It’s Raining« – die schlichte Wirksamkeit

»Over There, It’s Raining« ist dann wieder die andere Seite: fast schon schlicht, gedämpft, ein Pianostück wie ein kurzer Blick aus dem Fenster, bei dem man nicht überlegt, sondern einfach sieht. Und genau deshalb wirkt es: Als Erinnerung daran, dass Frahm nicht immer Maschinen anwerfen muss, um etwas zu sagen. Manchmal reicht ein gedämpfter Akkord, wenn man ihn richtig setzt.

»Unter – Tristana – Ambre« und »Ross’s Harmonium«: der Ausklang, der nicht »Ende« schreit

Die späteren Strecken – »Unter – Tristana – Ambre« und »Ross’s Harmonium« – fühlen sich an wie ein langsamer Übergang vom Konzert in die Nacht: weniger Song, mehr Zustand. Texturen, Schichten, Hallräume. Kein großes Finale. Eher dieses stille »Wir sind jetzt hier angekommen«, das man sich von manchen Abenden wünscht.

Klang und Hören: Eine Platte, die die Wahrheit nicht glättet

Audiophil ist »Spaces« ein Geschenk mit eingebauter Zumutung. Ein Geschenk, weil diese Aufnahme den Raum wirklich zeigt: Hallfahnen, Luft, die Distanz zum Instrument, die Übergänge zwischen Nähe und Weite. Eine Zumutung, weil sie dir auch verrät, wie du als Mensch so drauf bist: Ob du Unperfektes aushältst. Ob dich ein Huster nervös macht. Ob du beim leisesten Nebengeräusch innerlich anfängst, mit dem Studioingenieur zu diskutieren.

Auf einer guten Anlage ist das Ganze nicht »clean«, sondern präsent. Man hört nicht nur, was gespielt wird, sondern wo es geschieht. Und das ist, wenn man ehrlich ist, das eigentliche Thema dieses Albums: nicht Nils Frahm als Pianist, sondern Nils Frahm als jemand, der Räume in Musik verwandelt – und Musik wieder in Räume.

Fazit

»Spaces« ist ein Livealbum, das sich weigert, ein Livealbum zu sein, und genau dadurch ein sehr wahres wird: eine Collage aus Momenten, ein dokumentierter Energieaustausch, ein Werk, das unperfekt wirkt und gerade dadurch perfekt funktioniert.

Und »Says« bleibt für mich der Punkt, an dem sich das alles verdichtet: diese langsam schwindende Ruhe vor dem Sturm, dieses geduldige Spannen eines Bogens, bis man plötzlich merkt, dass man längst getroffen ist.


Interpret: Nils Frahm

Titel: Spaces

Erschienen bei: Erased Tapes


Weiter
Weiter

Prince »One nite alone…«