Prince »One nite alone…«
One Nite Alone... – Prince ohne farbensprühende Pailletten, aber mit großer Aussagekraft
Manchmal möchte man von Prince nicht noch ein weiteres Universum. Nicht noch ein weiteres »Ich erfinde die Musik neu und trage dabei wahrscheinlich eine Farbe, die in der Natur nur bei sehr giftigen Fröschen vorkommt«. Man möchte etwas viel Unmodischeres: einen Menschen. Allein. Mit einem Klavier. Und der Bereitschaft, sich nicht hinter Band-Architektur zu verstecken.
Genau das passiert hier: eine Platte, die sich anfühlt, als hätte jemand nach einem sehr langen Tag das große Licht ausgemacht und das kleine, warme angemacht – dieses Licht, unter dem man entweder ehrlich wird oder gar nichts mehr sagt.
Reduktion, die nicht nach Verzicht klingt
»One Nite Alone...« ist im Kern ein Duo aus Stimme und Klavier – oft so nah mikrofoniert, dass man unweigerlich das Gefühl bekommt, man säße nicht im Wohnzimmer, sondern im Flügel.
Diese Reduktion ist der eigentliche Coup. Nicht, weil Minimalismus automatisch Kunst wäre – sondern weil hier ein Künstler, der alles kann, ausgerechnet das Weglassen als Ausdruck nutzt. Und plötzlich hört man Dinge, die sonst gern in Produktionsglitzer verschwinden: wie Prince Phrasen »atmen« lässt, wie er zwischen zwei Akkorden einen Gedanken stehen lässt, statt ihn sofort zu erklären.
Prince am Klavier: kontrolliert, aber nicht geschniegelt
Das Klavierspiel wirkt oft wie kontrollierte Improvisation: nicht im Sinne von »Ich zeige euch jetzt Jazz«, sondern eher wie jemand, der die eigene Virtuosität so gut kennt, dass er sie nicht ständig an die Leine nehmen muss. An manchen Stellen schimmert eine jazzige Haltung durch – dieses ruhige, solide, leicht federnde Spiel, das lieber deutet als deklamiert.
Und genau da liegt auch die Spannung: Das Album kann sich wie »Late-Night«-Musik anfühlen, wie eine sehr kultivierte Form von Intimität – und gleichzeitig besteht immer das Risiko, dass man es zu schnell in die Schublade »angenehm« steckt. »Angenehm« ist ja oft das Wort, mit dem man Dinge lobt, denen man nicht zutraut, einen zu verändern.
Songs wie Räume
Viele Stücke sind eher Räume als Songs: Man geht hinein, schaut sich um, und merkt erst später, dass man in diesem Raum einen Satz gedacht hat, den man sonst nicht denkt. Manche Passagen sind so zurückhaltend, dass sie fast wie höfliche Konversation wirken – und dann kommt eine Zeile, die plötzlich nicht mehr höflich sein will.
Ein schöner Effekt: Das Album zwingt einen, nicht »nebenbei« zu hören. Wenn hier etwas berührt, dann nicht durch Lautstärke, sondern durch Nähe. Und Nähe ist bekanntlich die teuerste Währung – man zahlt mit Aufmerksamkeit.
Unterbewertet oder genau richtig platziert?
»One Nite Alone...« gehört zu jenen Arbeiten, die leicht übersehen werden, weil sie nicht nach »Ereignis« aussehen. Kein Single-Feuerwerk, keine Pop-Architektur, kein »Ich komme jetzt zurück«-Narrativ. Eher eine Art musikalisches Tagebuch – allerdings eins, das man nicht mit Filzstift verziert, sondern mit sehr guter Harmonik.
Wer Prince nur als Funk-Meteor kennt, könnte hier zunächst irritiert sein: zu leise, zu glatt, zu adult. Wer aber akzeptiert, dass ein Künstler auch mal nicht in den Ring steigt, sondern sich an den Flügel setzt, bekommt etwas Seltenes: eine Platte, die nicht erobern will, sondern bleiben.
Audiophiler Nebensatz, der sich wichtig nimmt
Auf einer guten Kette ist das Album übrigens gnadenlos: Die Stimme steht sehr vorn, das Klavier hat Körper, und alles, was in den Mitten nicht stimmt, fällt sofort auf. Es ist ein hervorragender Test, ob die Anlage »Nähe« kann – und ob man selbst sie aushält, ohne hektisch etwas zu tun (zum Beispiel: plötzlich die gesamte Wohnung zu sortieren, weil Stille einen nervös macht).
Fazit
»One Nite Alone...« ist Prince in einer Form, die man nicht »spektakulär« nennen kann – und genau deshalb ist sie spektakulär. Ein Album wie ein privates Gespräch: freundlich, kontrolliert, manchmal fast zu höflich – und dann wieder messerscharf, wenn es sein muss.
Interpret: Prince
Titel: One nite alone…
Erschienen bei: Legacy Recordings