Silje Nergaard »Japanese Blue«

Letzte Woche im Sommerro in Oslo saß ich da, geschniegelt wie ein Mensch, der eigentlich nur »kurz« mit seiner Frau unter Leute wollte, und wurde von Silje Nergaard innerhalb weniger Takte daran erinnert, warum man Musik nicht streamt wie ein Lieferdienst-Menü: Weil sie live plötzlich wieder Körpertemperatur hat. Ich war vollauf begeistert – nicht »höflich-norwegisch«, sondern richtig.

Mit diesem Konzert im Rücken habe ich »Japanese Blue« noch einmal gehört – und zwar so, wie man nach einem sehr guten Abend ein Foto betrachtet: Man erkennt jedes Detail, aber das Entscheidende ist die Stimmung, die wieder hochkommt.

Ein Album wie ein perfekt gebügelter Seufzer

»Japanese Blue« ist (und das ist als Kompliment gemeint) ein Album, das nicht ständig »Hallo!« ruft. Es tritt eher heran, räuspert sich leise und sagt: »Ich bin übrigens auch noch da, falls du gerade Zeit für Zartheit hast.«

Das Ganze funktioniert als intime Duo-Welt: Stimme und Klavier (Espen Berg), sehr nah, sehr klar, sehr wenig Firlefanz. Wer hier auf Effekt-Feuerwerk hofft, bekommt eher ein japanisches Teehaus als eine trubelige Kirmes. Und genau das ist die Pointe.

Silje singt mit dieser seltenen Mischung aus Kontrolle und Wärme – als hätte jemand eine Kerze angezündet, aber dabei darauf geachtet, dass sie nicht tropft. Ihre Stimme hat Luft, aber keine Parfümwolke. Sie ist präsent, aber nicht aufdringlich. Und sie hat diese Fähigkeit, einen Satz so zu beenden, dass man denkt: »So. Jetzt ist er richtig zu Ende.« Was man im Alltag ja kaum noch erlebt.

Klanglich: eine Einladung, die eigene Anlage zu ertappen

Auf einer ehrlichen Kette ist »Japanese Blue« ein kleines Wahrheitsministerium. Denn wenn nur Klavier und Stimme da sind, fangen die Geräte an, ihre Visitenkarten zu zeigen:

Kann der Flügel Holz?

Kann er Saitenschwingungen?

Und kann er diese winzige, entscheidende Differenz zwischen »schön« und »berührend«?

Bei mir (und ja: die Geuithains machen dabei wieder dieses »Wir sind eigentlich nur Lautsprecher, aber wir hören alles«-Gesicht) wird das Album zur Nahaufnahme. Man sitzt plötzlich näher an der Musik, als man es geplant hatte. Wie in der ersten Reihe, nur ohne Hustenpublikum.

Mein Favorit: »Based on a Thousand True Stories«

Wenn ein Lied ein Raum sein kann, dann ist »Based on a Thousand True Stories« ein Raum mit gedimmtem Licht, in dem man sofort leiser spricht.

Was mich daran packt, ist diese ruhige Entschlossenheit: Es drängt nicht, es schmeichelt nicht, es argumentiert nicht. Es erzählt. Und zwar so, dass man nach fast sechs (!) Minuten das Gefühl hat, man sei selbst kurz Teil dieser Geschichte gewesen – ohne peinlich intime Vereinnahmung, eher wie bei einem sehr gut geschriebenen Brief, den man gern liest, obwohl er einem ein bisschen nahekommt.

Das ist der Moment, in dem Silje für mich am stärksten ist: wenn sie nicht »performt«, sondern bewohnt, was sie singt.

Die Covers: mutig leise

Covers sind ja oft das musikalische Äquivalent zum Ich war auch mal in Italien-Foto: Kann man machen, muss man aber nicht jedem zeigen.

Hier klappt es, weil Silje nicht auf die Idee kommt, sich über die Songs zu stellen. Sie nimmt sie ernst – und reduziert sie so weit, bis sie wieder wie Lieder klingen und nicht wie Denkmäler.

Mercy Street: ein Stück, das ohnehin im Halbschatten lebt. Hier wirkt es, als würde jemand eine Tür zu einem sehr stillen Raum öffnen.

Love of My Life: kein Pathos-Anzug, keine Operngeste – eher eine behutsame Erinnerung daran, dass große Melodien auch ohne große Pose existieren.

What a Wonderful World: ja, der Song ist mittlerweile so oft gesungen worden, dass man ihn in manchen Gegenden vermutlich automatisch mitsummt, wenn ein Kühlschrank aufgeht. Aber in dieser Fassung hat er etwas Unaufgeregtes, fast Trotzendes: Die Welt ist wunderbar, weil wir es jetzt einfach mal so behaupten.

Warum Japanese Blue mehr ist als schön?

Das Album ist schön, ja. Aber dieses »schön« ist nicht dekorativ, sondern funktional. Es macht etwas mit der Wahrnehmung: Man hört langsamer, man atmet anders, man ist auf einmal wieder bei Nuancen.

Und das ist – gerade heute – fast schon eine Form von Widerstand: Musik, die nicht schreit, aber trotzdem bleibt.

Zu guter Letzt ein kurzer Blick auf Siljes Werdegang

Silje Nergaard ist nicht erst seit gestern diese elegante Schnittstelle zwischen Jazz-Sensibilität und Pop-Melodie. Sie tauchte früh in der Musikszene auf, wurde sehr jung live entdeckt, und hatte bereits Anfang der 90er Jahre einen bemerkenswert internationalen Start – inklusive Japan, wo sie bis heute eine besondere Verbindung hat (was man schon daran erkennt, dass dort Karrierewege manchmal konsequenter ernst genommen werden als in europäischen Feuilletons). Später hat sie ihr eigenes Feld abgesteckt: Alben, die jazzig atmen, aber nicht den Reflex haben, Jazz als Sport auszustellen. Stattdessen: Lieder, Geschichten, Klangkultur.

Das Album »Japanese Blue« wirkt in diesem Lebenslauf wie eine konzentrierte Essenz: weniger Band, weniger Arrangement, weniger »Schau mal was ich kann«.

Fazit

»Japanese Blue« ist hinreissend für Abende, an denen man nicht »beschallt« werden möchte, sondern Gesellschaft sucht – und zwar von jemandem, der klug genug ist, nicht dauernd zu reden.

Und nach dem Sommerro-Konzert höre ich es mit dem zusätzlichen Wissen: Diese Zurückhaltung ist keine Vorsicht. Sie ist echte Stärke.


Interpret: Silje Nergaard

Titel: Japanese Blue

Erschienen bei: Sony Music


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