Jóhann Jóhannsson »Orphée«

Ach Orpheus, du alter Grenzgänger zwischen Tonband und Taubenflug!

Jóhann Jóhannssons »Orphée« ist genau jene Sorte Album, die an der Garderobe der Gegenwart den Mantel der Nostalgie abgibt, um dann – sehr höflich und sehr bestimmt – den Saal der leisen Sensationen zu betreten. Hier ist nichts laut, aber alles beredt: gedämpfte Streicher, behutsam atmende Elektronik, kleine Glockenschläge, die klingen, als hätten sie den Aufzug verpasst und nähmen jetzt die Treppe. Wer das Werk bloß als »schöne Filmmusik ohne Film« abtut, verwechselt die Zimmerpflanze mit dem Gewächshaus. Orphée steht für sich – und es steht gerade.

Die Idee dahinter: Orpheus bei Ovid, der Blick zurück und das Verschwinden – übertragen in Miniaturen, die sich verhalten wie Lichtkegel auf staubiger Bühne. Der isländische Komponist legt Spuren, keine Spurenleger. »Flight from the City« öffnet die Tür: Klavier, das nichts beweisen will, Streicher, die aus dem Nichts kommen wie eine freundliche Erinnerung an etwas, das man nie erlebt hat. Typisch Jóhannsson: melodische Schwerkraft bei minimaler Geste. Die Musik atmet in langsamen Schleifen, als zöge jemand eine Gardine aus Dämmerung vor das Fenster.

Besonders hübsch ist das Album da, wo es tut, als sei es ein Radio aus einer Parallelwelt. »A Song for Europa« flechtet die kalte Poesie der Zahlen- und Stimmenkanäle in den warmen Stoff der Streicher – wie zwei Städte, die durch die gleiche Nacht gehen, ohne sich zu begegnen. Die Chiffren knistern, die Saiten trösten; zusammen klingt das, als würde ein verlassenes Flughafenterminal Träume abfertigen. Man muss das nicht symbolisch finden; es genügt, dass es unter die Haut geht wie ein Satz, den man versteht, obwohl er in keiner Sprache geschrieben wurde.

Überhaupt hat Orphée jene höfliche Konsequenz, die man früher »Form« nannte: kein Gelärm, keine Pose, keine modische Tonband-Couture, sondern subtile Verdichtung. In den späten Stücken – sagen wir »Good Morning, Midnight« und »Good Night, Day« – halten die Streicher die Zeit so fest, dass man beinahe sieht, wie sie sich windet. Nichts wird ausgestellt, vieles angedeutet; ein Album, das lieber den Raum beleuchtet, als im Mittelpunkt zu stehen. Wer hören möchte, wie Stillstand in Bewegung übergeht, findet hier seine Etüde.

Und dann der Abgang: »Orphic Hymn«, a cappella, ein Chor wie ein nach innen gekehrter Horizont. Man denkt an marmorne Hallen, an Hände, die mit Vorsicht eine Flamme schützen – und daran, dass Ewigkeit im Studio entsteht, nicht im Museum. Als Schlussidee ist das so elegant wie schlüssig: Die Stimme, die älter ist als jedes Instrument, hebt das Album an den Saum des Mythischen.

Warum funktioniert das so gut? Weil Jóhannsson hier seine Lieblingswidersprüche zivilisiert: Analoges und Elektronisches, Nähe und Distanz, Erinnerung und Erfindung. Er schreibt Musik, die weder »New Classical« sein muss noch »Ambient« sein will, sondern schlicht ein Klima erzeugt, in dem Gedanken ohne Schal spazieren gehen. Ein Album wie ein stiller Schwur: dass leise Dinge nicht klein sind, und klar Gesagtes nicht banal.

Fazit: Orphée ist ein Blick zurück, der nicht versteinert, sondern verwandelt. Ein Zyklus, der uns – ach Orpheus! – einmal mehr lehrt, dass man nicht alles retten kann, aber vieles bewahren: den Ton, der die Zeit milde macht; die Pause, die den Satz erklärt; die Wärme, die bleibt, wenn die Maschine längst verstummt ist.


Interpret: Jóhann Jóhannsson

Titel: Orphée

Erschienen bei: Deutsche Grammophon (DG)


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