Ben Webster »Live at the Renaissance«
Ben Webster – »At the Renaissance«: Ein Abend, der noch lange nach warmem Holz duftet
Manchmal fühlt sich ein Live-Album an wie eine Tür, die langsam in einen gut beleuchteten Raum schwingt. Hier steht der Tisch schon gedeckt: Oktober 1960, Renaissance-Club in Hollywood. Ben Webster betritt die Bühne und bläst Tenor, als wolle er Geheimnisse nicht verraten, sondern in warmen Dampf verwandeln. Um ihn herum eine Band, die Understatement zur Königsdisziplin erklärt: Jimmy Rowles lässt das Klavier sprechen wie einen klugen Freund, Jim Hall zieht Gitarrenlinien mit der Präzision eines feinen Bleistifts, Red Mitchell hält das Ganze mit federndem Puls zusammen, und Frank Butler schreibt Besen-Kalligrafie auf Trommelfell.
»Georgia on My Mind« setzt den Ton des Abends: keine Taschentuch-Ballade, eher ein Ledersessel, in dem man gerade sitzt, bevor man merkt, wie gut man sitzt. Webster phrasiert großherzig, schenkt nach, ohne zu süßen. Rowles legt Akkorde hin, die nicht glänzen, sondern leuchten; Hall ergänzt mit skizzierter Eleganz – nichts Überflüssiges, alles mit Sinn.
In »Caravan« spaziert die Band über warmes Pflaster: höflicher Hüftschwung statt Zirkusnummer, mit diesem Webster-Subton, der knurrt, wenn der Blues es verlangt, und schmilzt, wenn die Ballade es erlaubt.
Der hauseigene »Renaissance Blues« zeigt, wie organisch hier miteinander geatmet wird: kleine Temposchwellungen, Seitenblicke, das unhörbare »Jetzt!« zwischen den Noten.
»Stardust« klingt, als hätte jemand den Sternenhimmel entstaubt und neu sortiert, und »What Is This Thing Called Love« trägt Smoking mit offenen Knöpfen. Nichts ist eilig, alles ist aufmerksam. Diese Musik kennt die große Geste – und entscheidet sich charmant für die richtige.
Das Schöne: Virtuosität macht sich nicht wichtig, sie wirkt einfach. Webster entkitschigt Standards, indem er sie ernst nimmt; die Band begleitet nicht, sie kuratiert. Man merkt, wie wohltuend es ist, wenn fünf Musiker dieselbe Idee von Zeit teilen: dass Musik, richtig gespielt, zugleich Luxus und Notwendigkeit ist.
Und klanglich? Für einen Club-Mitschnitt von 1960 ist das bemerkenswert unstaubig. Die Bühne wirkt natürlich tief, der Bass hat Kontur statt Bauch, Halls Gitarre bleibt Füllfederhalter, kein Filzstift, und Websters berühmter Subton bekommt Raum, ohne zur Tapete zu werden. Ja, es gibt das erwartbare Publikumssummen, ein Hauch Bandrauschen und gelegentlich die Nähe eines Mikrofons – alles im Rahmen des Genres und eher Patina als Makel. Je nach Pressung oder digitaler Ausgabe variiert die Balance minimal, doch die Essenz bleibt: ein ehrlicher, direkter Klang, der Nähe zulässt, ohne Intimität zu verramschen.
Kurz: »At the Renaissance« klingt so, wie diese Musik sein will – nah genug fürs Herz, klar genug für den Verstand.
Interpret: Ben Webster
Titel: At the Renaissance
Erschienen bei: Craft Recordings