Mahler 5 – Adagietto x 12: Schönheit in Zeitlupe

Von schwebender Liebe, rasenden Finalen und zwölf Interpretationen des Sinfonie Nr. 5 Adagietto

»Ein Satz, sieben bis zwölf Minuten — und eine ganze Welt in Harfe und Streichern.« So könnte man den vierten Satz der Sinfonie formulieren, die allein im Zentrum dieser Playlist steht: zwölf unterschiedliche Lesarten des berühmtesten Liebesbriefs in der symphonischen Literatur, dem Adagietto aus der Fünften von Gustav Mahler.

Für meine »Playlist der Adagiettos« habe ich folgende Aufnahmen ausgewählt:

  • Zubin Mehta / New York Philharmonic

  • Bernard Haitink / Royal Concertgebouw Orchestra

  • Claudio Abbado / Berliner Philharmoniker

  • Leonard Bernstein / Wiener Philharmoniker

  • Eliahu Inbal / Frankfurter Radio‑Sinfonieorchester

  • Daniel Barenboim / Chicago Symphony Orchestra

  • Bruno Walter / Philharmonic‑Symphony Orchestra of New York

  • Herbert von Karajan / Berliner Philharmoniker

  • James Levine / Philadelphia Orchestra

  • Riccardo Chailly / Royal Concertgebouw Orchestra

  • Pierre Boulez / Wiener Philharmoniker

  • Georg Solti / Chicago Symphony Orchestra

Die Interpretationen reichen in der Länge von etwa 07:36 Minuten bis 12:01 Minuten. Jeder Dirigent und jedes Orchester nimmt sich eine andere Perspektive: von beinahe meditativer Ruhe bis hin zu intensiver, dramatikbetonter Spannung.

Und jetzt zu den zwölf Glanzlichtern mit ihren jeweiligen Eigenheiten

Mehta / New York Philharmonic: Eine kraftvolle, moderne Lesart. Das Adagietto wirkt hier nicht wie süßlich‑verträumt, sondern mit klarem Faden und orchestraler Substanz – so, als wolle Mahler schon in diesem Satz weniger Ruhe als bewusste Aufmerksamkeit erzeugen.

Haitink / Royal Concertgebouw: Langsamer im Ansatz, meditativ im Stil. Hier darf der Atem zwischen Harfe und Streichergruppe spürbar sein. Diese Aufnahme lädt zur Innenschau ein.

Abbado / Berliner Philharmoniker: Elegant, fast aristokratisch. Manche Kritiken monieren das Adagietto als „zu langsam“, aber für Liebhaber des Zeremoniellen ist dies eine Perle.

Bernstein / Wiener Philharmoniker: Emotional‑nah, mit amerikanischer Direktheit. Wenn Mahler eine innige Ansprache im Salon hält, dann so.

Inbal / Frankfurter RSO: Eine weniger oft erwähnte Aufnahme – aber gerade darin liegt ihr Reiz: frischer Blick, deutlich artikuliert, und orchestral transparent.

Barenboim / Chicago Symphony: Detailreich bis ins letzte Echo. Wer die Harfe spüren will wie einen zarten Trommelschlag im Inneren des Kopfes, kommt hier auf seine Kosten.

Walter / Philharmonic‑Symphony NY: Historisch‑wertvoll: Ein Klassiker unter Klassikern. Der Klang mag älter wirken, doch gerade das verleiht dem Satz etwas Zeitloses.

Karajan / Berliner Philharmoniker: Groß aufgezogen, mit glatter Eleganz. Einige mögen hier eine gewisse Überschärfe sehen – ich sehe schlicht großen Stil.

Levine / Philadelphia Orchestra: Moderne Klangtechnik trifft interessante Temposteuerung – dynamisch, aufmerksam und ohne Kitsch.

Chailly / Royal Concertgebouw: Kühler konturiert, mit einer analytischen Klarheit, die nicht kühlt, sondern entschlüsselt. Für die Hörer, die wissen wollen, was Mahler hier im Innersten baut.

Boulez / Wiener Philharmoniker: Ein experimenteller Ansatz, gewohnt meisterlich verarbeitet. Wer Mahler im Gewand von fokussiertem Klangbild hören will, wird hier fündig.

Solti / Chicago Symphony: Preislich oft ein Schnäppchen und dennoch auf Spitzenniveau. Direkt, ohne Überflüssiges – ein Adagietto mit Substanz.

Warum lohnt sich gerade diese Playlist?

Weil das Adagietto mehr ist als das allgemein geläufige »Liebeslied an Alma«. Es kann romantisch sein, ja; pero—es kann auch Intimität erzeugen, Spannung aufbauen, orchestralen Raum eröffnen. Jede Version zeigt eine Facette davon.

Wenn Sie diese zwölf Interpretationen nacheinander hören, entsteht eine Art Klang‑Landkarte: langsame und schnellere Tempi, romantisches Wohlgefühl und stille Dramatik, unterschiedliche Orchesterklänge – all das lässt sich vergleichen und genießen. Man spürt, wie dieses 4. Satzstück jede Menge Möglichkeiten birgt – und wie unterschiedlich sie genutzt werden.

Mein persönlicher Tipp

Starten Sie mit der Haitink‑ oder Inbal‑Version: um hineinzu‑gleiten. Danach springen Sie zur Karajan‑ oder Mehta‑Lesart: um das »große Adagietto« zu erleben. Zum Abschluss wagen Sie Chailly oder Boulez: und hören, wie strukturiert und fokussiert dieser Satz klingen kann.

Musik hören heißt hier nicht nur genießen – sondern verstehen lernen. Und nein, man braucht keine schwere Fachlektüre – nur ein gutes Paar Lautsprecher, einen bequemen Sessel und Ruhe.

Lassen Sie das Harfen‑Zupfen hören wie Wellen auf einer stillen See. Und merken Sie: Technik bleibt Mittel zum Zweck – das Ziel ist, dass die Musik Sie zum Hören bringt.

Viel Vergnügen beim Vergleichen, Staunen und Lauschen.

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Komponist: Gustav Mahler

Titel: Symphonie No. 5, IV. Adagietto

Dirigent: diverse

Orchester: diverse

Erschienen bei: diverse


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