Kristin Asbjørnsen »Hjemveier«
Hjemveier – musikalische Heimkehr in nordischem Flüsterton
Stell dir vor, jemand packt sein musikalisches Ich in einen warmen Wollumhang und lässt es heimlich über die norwegischen Fjorde tanzen. Dieser Jemand ist Kristin Asbjørnsen – die nun ihr erstes Album in ihrer Muttersprache präsentiert. Und was soll ich sagen? Würde ich nicht schon mit einem Bein in Norwegen leben, wäre ich spätestens nach dem Hören heimlich eingewandert.
Kristin hat einen Stapel Notizbücher von vielen Jahren hergenommen und daraus ein Album gemacht: Hjemveier. Wörtlich: Wege nach Hause. Wie schön das klingt, als hätte sie nicht nur Wegpunkte, sondern auch alle Abzweigungen in ihrem Leben kartiert — mit Melodie statt Meteoritenschlag.
Hier kein Englisch, keine Distanz, sondern eine Stimme so nah, man hört, wie sie atmet. Wohl deshalb klingt das Album wie ein zärtlicher Nachhall zwischen Gitarre, Klavier, afrikanischer Kora, Calabash und sporadischen, heimlichen Chorstimmen. Alles weich berührt, alles lässt Raum. Es ist, als würde man in eine Umarmung aus Klang geraten — und sich heimischer fühlen als im eigenen Alltag.
Musikalisch ist es ein Kosmos, der sich aus Jazz, Lullabies, Folklore und afrikanischem Puls zusammensetzt – ohne auf Wiedererfindung zu pochen. Spätestens beim ersten Ton denkt man: Ja, das ist Leben, reduziert auf Klang. Die Musik glitzert, ohne zu blenden. Weil sie nicht zeigen, sondern fühlen will.
In Hjemveier klingt das Echo vieler Stationen: die Gospel-Wurzeln, die Begegnung mit Spirituals, frühere Singer-Songwriter-Phasen, sakrale Anteile – alles bleibt, aber jetzt wie in Sepia. Die Klänge sind weder kühl noch feierlich, sondern eher gemütlich-tempelartig. Nicht erhoben oder gewichtet, sondern wie aus einem selbst gemachten Liedbuch.
Wer dieses Album hört – etwa den Titeltrack, Øyeblikket oder Miste – der legt kein Statement ab, er öffnet vielleicht ganz leise eine Tür. Und sitzt dann auf einer Veranda, auf der Musik und Erinnerung beide koffeinfrei sind, aber trotzdem wachhalten.
Und kurz zur Produktion: Klanglich ist Hjemveier eine audiophile Einladung — filigran gezeichnet, nicht grell, mehr Samt als Spiegelglas. Für Leute, die gerne sehen, was sie hören, und entdecken wollen, dass Musik Räume eröffnen kann, ohne sie laut aufzumauern.
Fazit: Hjemveier ist kein Album, das man hört. Es ist eines, das zu einem spricht. Und zwar leise, klar, heimelig. Für jene Momente, in denen man lieber flüstert statt zu rufen.
Titel: Hjemveier
Interpret: Kristin Asbjørnsen
Erschienen bei: Kirkelig Kulturverksted