Dmitri Schostakowitsch »Symphonie No. 10«

Shostakovich 10 – Karajan im Kontrollmodus

Dass Herbert von Karajan irgendwann in den 1980ern auf die Idee kam, ausgerechnet Dmitri Shostakovichs zehnte Sinfonie mit den Berliner Philharmonikern einzuspielen, klingt im Rückblick fast wie ein ironischer Kommentar zur Weltgeschichte: Der Großmeister der gegelten Streicher trifft auf den Meister des orchestralen Sarkasmus. Und siehe da – es funktioniert.

Vom Schleier zum Schock

Der erste Satz – ein ausgedehnter Sonatenbogen voller Anspannung, Düsternis und plötzlicher Emphase – ist bei Karajan kein brodelndes Psychogramm, sondern eher ein gedämpftes Beben. Aber genau darin liegt seine Stärke: Die Berliner spielen diese Musik mit einer Stringenz, die eher an kontrollierte Implosion erinnert als an expressive Eruption. Kein Pathos, kein Getöse – sondern ein dunkler Strom mit Zugkraft.

Und dann der zweite Satz, das sogenannte „Stalin-Scherzo“: Karajan – sonst nicht gerade für Subversion bekannt – lässt das Orchester knurren, beißen, explodieren. Und man fragt sich unweigerlich: Hat er das alles wirklich so gemeint? Oder ist das einfach der Moment, in dem die Berliner das Dirigat ganz kurz ignorieren, weil sie wissen, wie es zu klingen hat?

Klangbild mit Nachhall

Technisch ist die Aufnahme überraschend präsent – gerade für eine frühe Digitalproduktion aus dem Jahr 1981. Die Streicher leuchten mit jener berühmten Berliner Dichte, bei der man manchmal den Eindruck hat, man könne den Klang mit einem Buttermesser portionieren. Das Blech ist rotzig genug, um Shostakovichs Zynismus nicht zu unterlaufen, und das Schlagwerk hat – man verzeihe mir die Formulierung – ordentlich Wumms.

Wer hier nach dem kalten, kantigen Russland-Sound früherer Mravinsky-Aufnahmen sucht, wird nicht fündig. Karajan nimmt Shostakovich den Betonklotz vom Bein und ersetzt ihn durch Maßanzug und Lederschuhe. Ob es gut klingt? Absolut.

Und das Ende?

Der letzte Satz, oft als kryptisches Finale zwischen Triumph, Spott und Müdigkeit interpretiert, gerät Karajan erstaunlich lebendig. Fast tänzerisch, mit einem Hauch von guter Laune, als hätte Shostakovich am Ende doch noch einen guten Witz gehört – oder einen schlechten erzählt.

Fazit

Diese Einspielung ist kein revolutionärer Befreiungsschlag, kein Dokument des Widerstands. Es ist eine elegante, kontrollierte, erstaunlich lebendige Deutung eines Werks, das viele Deutungen aushält. Man hört sie nicht, um die Abgründe der sowjetischen Seele zu erforschen, sondern um zu erleben, wie ein deutsches Spitzenorchester unter einem sehr deutschen Chefdirigenten eine sehr russische Sinfonie mit fast unverschämter Selbstverständlichkeit meistert.

Und ja, ich greife immer wieder zu genau dieser Aufnahme. Auch wenn ich weiß, dass es wütendere, russischere, politisch aufgeladene Versionen gibt. Aber keine andere klingt beim vierten Satz so, als würde jemand den Staub von einem jahrzehntealten Sarkasmus pusten – mit Berliner Präzision.


Komponist: Dmitri Schostakowitsch

Titel: Symphonie No. 10

Dirigent: Herbert von Karajan

Orchester: Berliner Philharmoniker

Erschienen bei: Deutsche Grammophon (DG)


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