Gustav Mahler »Symphonie No. 5«

Zubin Mehta, Mahler und die Kunst des Furors in Fünfteln

Es gibt Symphonien, bei denen man sich fragt, ob der Komponist womöglich heimlich eine Wette verloren hat. Mahlers Fünfte ist so ein Fall. Ein Trauermarsch, ein Orkan, ein Wiener Tanzkurs für Fortgeschrittene, ein Adagietto mit sentimentaler Sprengkraft und ein Finale, das klingt, als würde ein ganzer Zirkus versuchen, simultan aus der Stadt zu fliehen. Kurzum: ein Werk, das sich anhört, als hätte Gustav Mahler nicht nur mit dem Orchester, sondern auch mit dem Leben selbst gestritten – und dabei gewonnen.

Wenn nun also Zubin Mehta mit dem New York Philharmonic dieses Monument betritt, geschieht dies nicht mit einem zögerlichen Blick in die Partitur, sondern mit dem Anstand eines Mannes, der weiß, wie man einen musikalischen Drachen zähmt. Und das Erstaunliche: es gelingt ihm. Mit Anmut. Und Wucht.

Der große Gleichklang zwischen Wut und Wehmut

Schon der erste Satz – jener berüchtigte Trauermarsch – gerät bei Mehta nicht zur schleppenden Bußprozession, sondern zum kontrollierten Wutanfall in Frack und Lackschuhen. Die Posaunen artikulieren, als hätten sie seit Wochen darauf gewartet, endlich explodieren zu dürfen. Das Blech in dieser Aufnahme ist von solcher Direktheit, dass man meinen könnte, es säße direkt im Wohnzimmer. Nur ohne sich vorher nach dem WLAN-Passwort zu erkundigen.

Dann, im zweiten Satz, schiebt Mehta alles einen weiteren Schritt in Richtung Expressivität. Wo andere sich an der Architektur des Satzes die Finger wund analysieren, stürzt sich das Orchester mit kalkulierter Raserei in die thematische Verhandlung. Und es gelingt ihnen, den Hörer in jenen emotionalen Zustand zu versetzen, in dem man denkt: »Ich weiß nicht, worum es geht – aber es ist wichtig.«

Scherzo: Drei-Viertel-Takt mit Halbschatten

Der dritte Satz, ein scheinbar endloser Walzer im Mahler'schen Schleudergang, ist hier keine matte Kaffeehaus-Nummer, sondern ein pulsierender Tanz auf dem Vulkan. Man könnte sich vorstellen, wie ein Wiener Ballsaal langsam in Schräglage gerät, während die Tänzer mit einer Mischung aus Grazie und Orientierungslosigkeit weitertänzeln. Mehta hält das Ganze bei 14:18 Minuten – das ist nicht zu schnell, nicht zu langsam, sondern genau in der eleganten Schwebe zwischen Trunkenheit und Transzendenz.

Adagietto: Nein, nicht schon wieder Tod und Liebe

Das Adagietto gehört zu jenen Sätzen, bei denen schon zu viele Menschen zu viele Dinge gesagt haben. Und meistens in Zeitlupe. Mehta hingegen nimmt sich die Freiheit, das Adagietto weder zu romantisieren noch zu entschlacken. 10 Minuten und 50 Sekunden – ein zärtlicher Dialog zwischen Harfe und Streichern, der klingt, als wisse die Musik selbst um ihre Popularität und zeige sich – etwas verschämt – von ihrer schönsten Seite. Hier gelingt die Quadratur des Kreises: Emotion ohne Kitsch. Stille ohne Stillstand. Liebeslied ohne Zuckerüberzug.

Finale: Fanfaren, Fugato und Freiheit

Das Finale ist in dieser Aufnahme ein einziges Fest: furios, federnd, voller Energie. Mehta nimmt es zügig (aber nicht gehetzt), und das Orchester klingt, als habe es noch ein Date nach der Aufnahme. Die Kontrapunkte bleiben durchsichtig, der Drive bleibt konstant – und endlich wirkt dieser oft mühsame Satz wie das, was Mahler wahrscheinlich vorschwebte: ein strahlender Abschluss, der nicht behauptet, die Welt sei gut, aber immerhin: rettbar.

Fazit:

Mehtas Mahler-Fünfte mit dem New York Philharmonic ist keine diskrete Repertoireergänzung, sondern eine glühende Liebeserklärung an das, was Mahler ausmacht: das Drama, den Zweifel, die Schönheit, den Schmerz, die Hoffnung – und das alles auf einmal. Sie ist – ganz unironisch – eine der besten Aufnahmen dieses Werks, die man derzeit hören kann.

Oder wie Mahler vielleicht gesagt hätte, wenn er Zubin Mehta dirigieren gehört hätte: „Endlich versteht mich mal einer.“


Komponist: Gustav Mahler

Titel: Symphonie No. 5

Dirigent: Zubin Mehta

Orchester: New York Philharmonic

Erschienen bei: Warner Classics International


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